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Interactive Brokers & der Brexit

Letzte Aktualisierung: 26.07.2021.

Für den ein oder anderen dürfte der Brexit kurzfristig noch eine eher unangenehme Überraschung bereit gehalten haben: Interactive Brokers (IB) muss(te) seine Kundenkonten von UK auf IB-Gesellschaften in EU-Europa (Irland, Luxemburg oder Ungarn) umziehen. Das gilt damit natürlich auch für die meisten Reseller von Interactive Brokers, wie z.B. BANX, LYNX, FXFlat oder CapTrader, bei denen ich selbst ein Depot unterhalte.

Zum Hintergrund: Seit dem Brexit darf ein englisches Finanzinstitut nicht mehr ohne weiteres Dienstleistungen an (kontinental-)europäische Kunden erbringen. Daher war ein Umzug der Anlegerkonten weg von UK nötig. Hat mein seinen Wohnsitz dagegen außerhalb der EU (EWR), kann/konnte das Kundenkonto bei Interactive Brokers UK (IBUK) bleiben.

Nur noch 20.000 EUR Entschädigung für Anleger?

In den Finanzblogs, bei Facebook und auf Youtube wurde nun breit diskutiert, welche Folgen der daher nötige Depotumzug für die Absicherung der Vermögenswerte hat. In meinen Augen ist die Verschlechterung weg von den umfangreichen UK-Standards natürlich erst einmal sehr bedauerlich. Man sollte sich jedoch auch klar machen, dass man mit einem anderen Broker innerhalb der EU bereits jetzt schon der (schlecheren) EU-Juridikation unterliegt. Überdies wurden bei der kontroversen Diskussion gerne auch mal die Fakten verdreht dargestellt. Anders als z.T. behauptet, waren z.B. Wertpapiere in einem Depot noch nie „Sondervermögen“. Dieser Begriff bezieht sich nämlich ausschließlich auf Investmentfonds im Sinne des deutschen KAGB. Dennoch, das Kundenvermögen ist in der EU genauso wie in UK „segregiert“ vom Broker-Vermögen und es fließt auch nicht in die Insolvenzmasse ein. Grundsätzlich können die Depotpositionen also zu einem anderen Broker übertragen werden, sofern dem keine Margin-Anforderungen (Wertpapierkredit) entgegen stehen.

Mangelhafte Absicherung (nur) im Betrugsfall

Als Anleger sollte man sich immer klar machen, wo die Wertpapiere eigentlich lagern und wer Besitzer und wer Eigentümer eines Vermögenswertes ist. Sollte es trotz segregierter Konten, z.B. in betrügerischer Absicht, zu einem Fall kommen, dass IB die Wertpapiere nicht zuweisen kann, würde unter IB UK durch die (US-amerikanische) SIPC mit 500.000 USD entschädigt werden (Unterlimit für Cash: 250.000 USD) und unter den IB EU-Gesellschaften eben nur mit maximal 20.000 EUR.

Mein persönliches Resümee ist, dass alle Bedenkenträger jetzt erst einmal ruhig durchatmen sollten. Ein sehr anschauliches YouTube-Video zu der Thematik gibt es vom Blogger Nils Gajowiy auf seinem Zahltagstrategie-Kanal, weitere Infos darüber hinaus auf seinem Blog. Ein Transfer aller bei Interactive Brokers verwalteten Vermögenswerte zu einem EU-Broker macht m.E. absolut keinen Sinn. Stattdessen sollte man, wie bei der Kapitalanlage selbst, dafür sorgen, nicht alle Eier in den gleichen Korb zu legen. Denn: Es ist seit jeher sinnvoll, Geschäftsbeziehungen zu mehreren Brokern zu unterhalten!

Ein neues Depot in Ungarn …?

Der einzige Punkt, bei dem ich etwas kritisch gestimmt bin: ein Übertrag zu der neuen IB-Niederlassung in „Central Europe“ (Ungarn). Und zwar deshalb, weil ich bei Ungarn derzeit in Sachen Rechtsstaatlichkeit so meine Schwierigkeiten habe … Leider kann man nicht selbst auswählen, wohin das Depot migriert wird. Mein Konto wurde jedoch, wie wohl die allermeisten deutschen Konten von CapTrader, zu der neuen Niederlassung in Irland (Interactive Brokers Ireland Limited) umgezogen.

… oder einfach das alte UK-Konto behalten?

Das alte Depot zu behalten stellt langfristig keine Option dar: Wenn man der Übertragung auf einen EU-Europa-Broker nicht zustimmt, können keine neuen Positionen mehr eröffnet werden. So schreibt z.B. Lynx:

Falls Ihr über LYNX bei Interactive Brokers (UK) Limited geführtes Depot sich im Modus „Liquidation only“ befindet, können Sie keine neuen Positionen mehr eröffnen. Um diese Einschränkung aufzuheben und wieder neue Positionen eröffnen zu können, müssen Sie der Migration Ihres Depots zu Interactive Brokers Ireland Limited zustimmen. Wie Sie der Migration zustimmen, erfahren Sie auf der Seite: https://www.lynxbroker.de/info/brexit-migration-irland/. Nach Ihrer Zustimmung dauert es in der Regel eine Stunde, bevor Sie wieder neue Positionen eröffnen können.

Quelle (Stand: 15.01.2021): https://www.lynxbroker.de/

Mittelfristig wird IB wohl auch vor einer Schließung des Depots nicht zurückschrecken.

Einen sehr schönen, tabellarischen Überblick, was sich alles von Alt zu Neu ändert, findet man u.a. direkt bei Lynx; eine FAQ-Liste direkt bei IB.

Neue Bankverbindung für Einzahlungen

Besonders wichtig aus meiner Sicht: die bisherige Bankverbindung für Einzahlungen auf das Depot ist nicht mehr gültig. Eigentlich wurde man als Kunde diesbezüglich auch bereits informiert. Es ist seit jeher empfehlenswert, vor einer Überweisung Ihr IB-Depot eine sog. „Einzahlungsbenachrichtigung“ in der Kontoverwaltung zu erstellen, da dort immer die aktuell gültigen Bankdaten angezeigt werden.

Umzug zu anderen IB-Resellern

Ein möglicher (von mir nicht geprüfter) Ausweg ist es, das Depot auf einen IB-Reseller umzuziehen, bei dem weiterhin Interactive Brokers LLC in den USA der Vertragspartner des Resellers ist. So würde die bisherige Einlagensicherung von 500.000 USD erhalten bleiben. Stand 22.03. ist mir dies von AGORA direct bekannt. Unter dem Menüpunkt „Sicherheit“ wird dort weiterhin bzgl. Einlagensicherheit auf die Institutionen

  • CFTC (U.S. Commodity Futures Trading Commission)
  • SIPC (Securities Investor Protection Corporation)
  • FSCS (Financial Services Compensation Scheme)
  • Lloyd’s of London und
  • FINRA (Financial Industry Regulatory Authority)

verwiesen. Spezifischer Nachteil von AGORA direct sind jedoch die im Vergleich zu IB oder etwa CapTrader sehr hohen Sollzinsen auf Wertpapierkredite.

Ein weiterer Introducing Broker, für den das gilt, ist meinTrade.ch. Da in der Schweiz angesiedelt, konnte diesem Anbieter der Brexit Anfang 2021 natürlich egal sein … Zu beachten ist, dass die Basiswährung eines Accounts dann natürlich CHF ist. Überdies hat mir der Anbieter auf Nachfrage versichert, dass sie seit Februar 2021 keine deutschen Kunden mehr aufnehmen dürfen.

Anmerkung: Ursprünglich hatte ich an dieser Stelle auch auf den Introducing Broker FXFlat verwiesen. Dieser hat jedoch Anfang 2020 (wie die anderen Reseller, deren bisheriger Vertragspartner Interactive Brokers UK war, also z.B. BANX, Captrader und LYNX) seine Kunden zu einer der kontinentaleuropäischen Niederlassungen (zumeist wohl Interactive Brokers Ireland) migriert.

Alte & neue Konto-ID

Ok, mein CapTrader Depot wird also derzeit von IBUK auf IBIE (Interactive Brokers Ireland Limited) migriert. Aber was hat sich denn nun bisher operativ verändert? Zuallererst: ich habe eine neue Konto-ID erhalten (U7xxxxxx statt U2xxxxxx, alle anderen Ziffern sind gleich geblieben). Die alte Konto-ID ist aber erst einmal trotzdem wichtig, denn mit beiden IDs werde ich eine Weile leben müssen – fortan existieren also zwei parallele Konten! Auch wenn eine Zeit lang noch Dividenden in das alte Konto eintrudeln (s.u.), werden natürlich alle Bestandspositionen in das neue Konto umgezogen. Sobald also die letzte Dividende eingetrudelt ist, bleibt das alte Konto also nur noch für Berichtszwecke erhalten. Im Detail schreibt IB hierzu:

Ihr aktuelles Konto wird geschlossen, sobald alle Rückstellungen in Barmittel umgewandelt und auf das übertragene Konto eingezahlt wurden. Sobald Ihr altes Konto geschlossen wurde, können Sie damit keine Handelsgeschäfte durchführen können, jedoch werden Sie über eine Kontoauswahl innerhalb des Client Portals darauf zugreifen können, um historische Auszüge einzusehen und auszudrucken.

Quelle (Stand: 11.02.2021): https://ibkr.info/de/article/3515

Kontoauszüge für 2021

Das „offizielle“ Reporting des Brokers für wird zweigeteilt sein: Ein Report vom Jahresanfang, 01.01.2021 bis zum Migrationstag von IBUK (Großbritannien) nach IBIE (Irland), IBLUX (Luxemburg) oder IBCE (Ungarn), und für den Rest des Jahres 2021. Es spricht aber natürlich nichts dagegen, sich kombinierte Reports auf Basis von alter und neuer Konto-ID erstellen zu lassen.

Ganz wichtig dabei: Kommt es zu nach dem Migrationstag zu Reklassifizerungen von Dividenden aus dem Jahr 2020, so werden sich diese weiterhin im Reporting zu dem alten Konto wiederfinden!

Zuordnung der Dividenden zu altem oder neuem Konto

Ich habe mir mein Reporting in der Kontoverwaltung so eingerichtet, dass ich börsentäglich jeweils einen Report über erhaltene und noch offene Dividenden bekomme. Dazu lasse ich mir immer die gerade aktuellen Wechselkurse (v.a. EUR/USD) anzeigen – sehr praktisch für die Steuererklärung. Mit Schrecken stellte ich nun fest, dass mir ab 12. Januar 2021 keine Reports mehr zugestellt wurden. Glücklicherweise konnte ich in der Kontoverwaltung schnell Abhilfe schaffen: aus unerfindlichen Gründen war die Zustellung für das neue Konto nicht mehr eingeschaltet.

Nachdem ich dies also korrigiert hatte, gleich der nächste Schreck: die Dividendenberichte waren „leer“, keine einzige Dividendenzahlung wurde aufgeführt. Das liegt daran, dass die alten Dividendenzahlungen gemäß Ex-Tag noch dem alten Konto zugeordnet sind. Auch hier war die Lösung zum Glück schnell gefunden: In der Kontoverwaltung besteht für den Bereich Berichte fortan die Möglichkeit, die zugrundeliegenden Konten auszuwählen (ja, es können auch altes und neues Konto gleichzeitig ausgewählt werden!). So kann ich mir alle hinterlegten Berichte jederzeit zu meiner alten Konto-ID, zu meinem neuen Konto-ID, oder auch zu beiden anzeigen lassen. Es ist also keine Problem, historische Auszüge einzusehen und auszudrucken. Aber Achtung: bei den individuell erstellten Berichten ist erst einmal weiterhin die alte Konto-ID zugeordnet. Will man jedoch die Zuordnung in der Berichtsdefinition ändern, besteht nur noch die Möglichkeit, das neue Konto auszuwählen.

Quellensteuer-Rückzahlungen für 2020 nicht vergessen!

Anfang 2021 gab es natürlich noch eine Menge offener Dividendenzahlungen, die meinem alten Konto zugeordnet waren. Mitte März 2021 trudelte bei mir dann die letzte Dividendenzahlung dort ein. Seitdem sind alle neuen Dividendenzahlungen dem neuen Konto zugeordnet.

Interessant ist es derzeit noch mit den im ersten Halbjahr eines Folgejahres üblichen Korrekturbuchungen (Quellensteuer-Rückzahlungen) für in 2020 bereits erhaltene Dividenden (etwa aufgrund von ROC – Return Of Capital). Hier trudeln über das alte Konto immer wieder einmal Korrekturen ein.

Bei mir ist es jetzt so, dass die letzte Korrektur mit einer Quellensteuer-Rückzahlung für 2020 am 22. März eingetrudelt ist. Für ein Datum danach kann ich mir gar keinen Dividendenbericht mehr zu dem alten Konto ziehen. Mal sehen, ob das jetzt so bleibt, oder irgendwann noch etwas kommt …

Um sicher zu gehen, hier nichts zu übersehen, macht es somit Sinn, sich spätestens Ende 2021 einen Dividenden-Report für das alte Konto zu ziehen, um alle im Laufe des Jahres 2021 erhaltene Quellensteuer-Rückzahlungen für 2020 identifzieren zu können. Jegliches Steuer-Reporting für 2021, so auch den offiziellen Dividendenbericht, wird es dann seitens Interactive Brokers in zweifacher Ausfertigung sowohl für das alte als auch das neue Konto geben. Euer Finanzamt wird sich sicherlich darüber freuen!

Achtung: Wertpapierleihe neu akzeptieren

Hier noch ein wichtiger Hinweis: sofern Ihr bisher an dem „Aktienrendite-Optimierungsprogramm“ (Stock Yield Enhancement Program) teilgenommen habt, müsst Ihr diesem neu zustimmen, siehe unter Kontoeinstellungen / Aktienrendite-Optimierungsprogramm. Dummerweise kann es bis zu drei Monate dauern, bis dann wieder Einkünfte aus dem Wertpapierverleih fließen!

Noch kein Depot bei Interactive Brokers?

Wer bis Ende 2020 sowieso noch kein Depot bei IB hatte, ist/war vom Brexit naturgemäß nicht mehr betroffen. Wer trotz der genannten Einschränkungen gegenüber der Situation zuvor immer noch Lust auf ein Depot dort hat, der kann gleich loslegen: Wer im Rahmen des Refer a Friend-Programms von Interactive Brokers (IB) ein Depot eröffnet, erhält als Belohnung Aktien von IB im Wert von bis zu 1.000 USD, und ich gehe dabei auch nicht leer aus. (*)

Bild von Foto-Rabe auf Pixabay


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