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Steuerreklassifizierung von US-Einkünften bei DEGIRO

Letzte Aktualisierung: 19.03.2021.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet. Das sagte ja auch schon Schiller. Was das mit diesem Beitrag zu tun hat? Nun, eine ganze Menge. Wenn man sich z.B. für einen Auslandsbroker wie DEGIRO entscheidet. Das hat nämlich durchaus Folgewirkungen. Steuerlicher Natur. Nicht nur, aber vor allem. Da helfen dann auch die ganzen, wohlgemeinten Broker-Tests nichts. Aber lesen Sie selbst!

Warum ich mich seinerzeit für DEGIRO entschieden hatte

DEGIRO? Das sind doch diese ultra-günstigen Niederländer, die jüngst von flatex übernommen worden sind? Ich bin seit 2018 u.a. Kunde genau dieses Online-Brokers, genau genommen der Schweizer Dependance. Angelockt durch die wirklich günstigen Transaktionskosten und die Verheißung, über die Schweizer Dependance von DEGIRO weiterhin nicht MiFID II-konforme Titel, die oft besonders für Einkommensinvestoren interessant sind (z.B. Nicht-EU-ETFs), erwerben zu können. Die MiFID II-Richtline, die mehr Transparenz und mehr Anlegerschutz bringen soll(te), trat Anfang 2018 in Kraft und ist seitdem für Finanzinstitute mit Vertrieb in der EU bindend.

Fortlaufende „Anpassung“ der Geschäftspolitik

Mit den Jahren lernt man seinen Partner ja immer besser kennen – oder aber der Partner zeigt sein wahres Gesicht. Mit den nicht-MiFID II-konformen Papieren war bei DEGIRO dann schon Anfang 2019 Essig: entsprechende Papiere können seitdem, auch über die Schweizer Dependance, nicht mehr gekauft werden. Hätte man ja eigentlich der Schweizer Dependance weiterhin erlauben können. Schließlich ist die Schweiz nicht an EU-Recht gebunden. Aber das Thema MiFID II ist sicherlich Stoff für einen eigenen Beitrag. Kommt!

Quellensteuerermässigung bei US-Papieren? Ist doch Standard, oder? Ja, aber seit 2020 bei DEGIRO nicht mehr für alle US-Papiere. Da musste ich mal eben einen ganzen Haufen von Positionen auf ein anderes Depot schieben. Schließlich wollte ich ja auf meine Ausschüttungen keine US-Quellensteuer abführen. Darüber wird noch zu schreiben sein …

Depotübertrage zu DEGIRO? Ähem, hüstel, ein mitunter schwieriges Unterfangen, wenn nicht sogar eine Unmöglichkeit. Sie wissen schon: Corona. Jedenfalls: Stoff für einen eigenen Beitrag …

Wertpapierleihe mit meinen Papieren? Ist seitens DEGIRO möglich, sofern man sich nicht explizit für das „Custody-Profil“ entschieden hat. Profitiere ich davon? Leider nein. Wurde von DEGIRO aber auch nicht verheimlicht. Ist … Sie ahnen es: Stoff für einen eigenen Beitrag …

Berücksichtigung von Kapitalrückzahlungen (ROC = Return Of Capital) von US-Unternehmen? Jaaaa, endlich: Stoff für DIESEN Beitrag!

Rückzahlung von US-Quellensteuer

Ein mittlerer dreistelliger Betrag als „Geschenk“ von meinem Broker? So kam es mir vor, als ich im November 2020 auf die Kapitalströme meines DEGIRO-Depots blickte. Toll! DEGIRO hat mir, aufgeschlüsselt nach Wertpapier/ISIN, am 18.11.2020 aufgrund der „Steuerreklassifizierung von US-Einkünften“ für 2019 zuviel gezahlte Dividendensteuer (aka US-Quellensteuer) zurückgezahlt. Als Valuta-Datum ist der 07.09. angegeben. Untersucht man den Sachverhalt nun genauer, lässt die Begeisterung dann allerdings schnell nach:

  • Die Steuererklärung für 2019? Schon abgegeben. Unter der Annahme, dass DEGIRO die Steuerreklassifizierung (wie z.T. bereits für 2018) wieder ignoriert, habe ich bei der Aufstellung meiner Einkünfte aus Ausschüttungen und Dividenden für 2019 selbst die entsprechenden Korrekturen vorgenommen, d.h. die Dividenden um den „nicht steuerbaren Teil der Ausschüttung” gemindert. Wer dies also nicht berücksichtigt hat … bezahlt leider, leider (erst einmal) zu viel deutsche Abgeltungsteuer.
  • Überall das gleiche Valuta-Datum? Damit es mir faktisch nicht möglich, die jeweilige Quellensteuer-Rückzahlung der richtigen Ausschüttung zuzuordnen. Es geht ja hier nicht um nur eine jährliche Ausschüttung pro Papier. Die meisten der betroffenen Papiere schütten nämlich quartalsweise oder gar monatlich aus.
  • Warum eigentlich ein so spätes Valuta-Datum, erst im September des Folgejahres? Und das für alle Rückzahlungen? Bei meinem anderen Auslandsbroker, CapTrader (schön, wenn man vergleichen kann!), bin ich es gewohnt, dass mit Beginn des Folgejahres fortlaufend Quellensteuer-Erstattungen eintrudeln, ich also bereits über das Kapital verfügen kann. Bei den Ablegern von Interactive Brokers (neben CapTrader auch AGORA direct, BANX, FXFlat und LYNX) ist die Reklassifikation der Dividenden im Wesentlichen bis zum März des Folgejahres erledigt.
  • Immerhin, die Steuerreklassifizierung von DEGIRO ist nun zumindest ein weiterer, verspäteter Beleg dem Finanzamt gegenüber, dass ein Teil der erhaltenen Ausschüttung tatsächlich den Charakter einer Kapitalrückzahlung hatte. Mitnichten hat DEGIRO jedoch auch das Reporting für das Steuerjahr angepasst: Meine „Jahresübersicht für das Steuerjahr 2019“, die immerhin schon im April 2020 vorlag, also weit vor dem Zeitpunkt, bis alle US-Steuerreklassifizierungen mit hoher Wahrscheinlichkeit vorliegen, wurde seitens DEGIRO nicht angerührt. Kapitalrückzahlungen sind dort schlichtweg kein Thema.
  • Hmmm, da wäre noch ein Punkt …: die Anschaffungskosten. Die müsste DEGIRO eigentlich jetzt auch anpassen (d.h. um den ROC verringern). Nur, da DEGIRO als Auslandsbroker aber nichts abführt, müssen sie auch nichts fortschreiben. Das muss dann der Anleger schon selbst tun, um nicht etwa Steuerverkürzung zu begehen, siehe Exkurs 2.

Nun, nichts für ungut, DEGIRO hat natürlich auch seine Vorteile. Darüber werde ich in späteren Beiträgen auch noch berichten. An dieser Stelle seien nur einmal die konkurrenzlos günstigen Konditionen für einen Wertpapierkredit erwähnt …

Exkurs 1: selbst nachrechnen

Wie kann man denn nun selbst die Steuerreklassifizierung seitens DEGIRO nachvollziehen? Als Beispiel aus meinem Depot mag hier der AMPLIFY HIGH INCOME ETF (ehemals YieldShares High Income ETF, Symbol: YYY, neue, geänderte ISIN: US0321088470) dienen, der monatlich ausschüttet. Schaue ich beim Emittenten des ETF, dem US-Anbieter Amplify, nach und blicke, versteckt unter Tax Information, in die „Form 8937“ für 2019, sehe ich dort, dass die 10 Ausschüttungen von 01 bis 10/2019 jeweils 39,9585% Kapitalrückzahlungen (ROC = Return Of Capital) enthalten haben. DEGIRO hat mir in der Tat, auch wenn ich dies nicht genau den einzelnen Ausschüttungen zurechnen kann, 10 Ausschüttungen reklassifiziert und für diese den exakten Prozentsatz der bereits in 2019 einbehaltenen US-Quellensteuer zurück erstattet.

Exkurs 2: Kapitalrückzahlungen & Anschaffungskosten

Eigentlich ist das Thema ein alter Hut: kennt man etwa von Deutsche Telekom oder Deutsche Post. Diese Unternehmen zahlen teilweise schon seit Jahren „steuerfreie“ Dividenden aus. Sie greifen dafür auf Kapitalreserven, also Einzahlungen aus Kapitalerhöhungen und Einlagen früherer Jahre, zurück und nicht – wie bei „normalen“ Dividenden – auf operativ erwirtschaftete Gewinne.

Auch viele angelsächsische Papiere, oft etwa US-ETFs, US-REITs oder auch sog. CEFs, zahlen, ganz im Sinne ihrer meist bereits im Ruhestand befindlichen Anleger, gleichbleibende Ausschüttungen, und dies häufig sogar monatlich. Miete und Mittagessen wollen ja schließlich verlässlich finanziert sein. Falls hierfür die Kursgewinne nicht reichen, wird hierzu eben einfach ein Teil der vom Anleger geleisteten Einlagen wieder zurückbezahlt (Return Of Capital). Bösartige Gemüter würden sowas vielleicht als „Auszahlplan mit Option auf Kursgewinne“ bezeichnen …

Steuerfrei? Sind die Ausschüttungen nicht wirklich. Oder zumindest nicht mehr, wenn man seine Aktien nach Einführung der Abgeltungsteuer gekauft hat. Zeitgleich mit Auszahlung der Dividende werden dann nämlich die im Depot ausgewiesenen Einstandskurse der Papiere um exakt den gleichen Betrag gekürzt. Zumindest bei einem deutschen Broker. Bei einem Auslandsbroker wie DEGIRO muss man den Einstandskurs entsprechend selbst mindern. Anders übrigens als bei dem Broker CapTrader (bzw. Interactive Brokers), der diese „Cost Adjustments“ ausweist.

Fazit: Möchte man das Papier später verkaufen, bezahlt man zwar beim Verkauf mehr Abgeltungsteuer, hat dafür aber zwischenzeitlich Steuern auf die Ausschüttungen gespart. Steuerverschiebung also. Ideal für Einkommensinvestoren, die ein Papier im besten Fall einmal erwerben und dann für immer halten 😉 Sofern, ja sofern, das Finanzamt hier mitmacht: Dies ist bei ausländischen Titeln meinem Kenntnisstand nach zumindest nicht sicher und wird von den einzelnen Finanzämtern durchaus unterschiedlich gehandhabt. Wäre sehr interessant zu erfahren, wie Eure Erfahrungen hierzu sind!

Bild von Steve Buissinne auf Pixabay

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